Donnerstag, 13. Oktober 2011


Charisma: Göttliche Gnadengabe oder erlernbar?

Manche Persönlichkeiten haben eine unwiderstehliche Anziehungskraft

Mahatma Ghandi, Napoleon, James Dean, aber auch der Dalai Lama oder Lady Diana, Che Guevara, David Garrett sowie der US-amerikanische Präsident Barack Obama gelten als charismatisch. Nach der Definition des Soziologen Max Weber handelt es sich um eine göttliche Gnadengabe, die nicht erlernbar ist. Oder etwa doch? Es gibt heutzutage Seminare, in denen vorgegaukelt wird, durch Körpertraining eine charismatischen Ausstrahlung zu erlangen. Doch es ist Vorsicht geboten.

Politiker und Körpersprache

Körpersprache lässt sicher einstudieren. Insbesondere Politiker werden vor Wahlkämpfen in unserer von Medien bestimmten Zeit intensivst auf Auftritte vorbereitet. Manchmal aber auch zu deren Nachteil, wie die aufgesetzen, stark kontrollierten und emotionslosen Bewegungen der Protagonisten beweisen. Nur wenn sich das gesprochene Wort im Einklang mit der Gestik befindet, wird es auf die Dauer überzeugen. Der Körper lügt nicht. Und er ist immer in Aktion. Zurück zur Geschichte und zu Max Weber. Historisch betrachtet, wird Charisma meist mit politischer Herrschaft oder religiöser Macht und Würde in Verbindung gebracht. Massenmobilisierung, Unterwerfung und Führungsanspruch gehörten dazu und sind nur wenigen Auserwählten vorbehalten, die durch Geburt (Erbcharisma) oder genuin mit Charisma gesegnet sind. Im Gegensatz zur erblich erlangten Gnadengabe muss der genuine Führer Erfolge bei seinen Anhängern verbuchen. Gelingt ihm das nicht, erlischt sein Anspruch.


Beispiele aus der Gegenwart

In totalitären Staaten ist diese Verknüpfung von Machtanspruch und fortlaufender Überprüfung durch die Massen noch heute zu beobachten. Ferdinand Marcos, bis 1986 Präsident der Philippinen, wurde aufgrund von Wahlbetrugs und Bereicherung vom Volk unter Corazón Aquino gestürzt. Ebenfalls gescheitert ist der argentinische Staatspräsident Juan Domingo Perón, der 1955 in spanische Exil gehen musste. Eines der negativsten Beispiele für ein übersteigertes, wahnhaftes Sendungsbewusstsein ist Adolf Hitler, der sich als Inkarnation eines ‘Heilsbringers’ mit Anspruch auf Weltherrschaft sah. Bekannt ist, dass Hitler sich in seinen Anfangsjahren vor der Kamera eher als Witzfigur denn als Führer präsentierte. Erst der Schauspieler und Operettensänger Paul Stieber-Walter brachte Adolf Hitler bis 1942 in Gasthöfen, Hotels und Privatwohnungen eine stimmige und überzeugende Körpersprache bei. Nichts wurde dem Zufall überlassen - nicht einmal der Hitlergruß. Selbst die ‘Bettelgänge’ zur deutschen Industrie wurden bis ins Kleinste einstudiert und geübt. So grotesk die Anfänge seiner körperlichen Ausdruckskraft waren, so sehr konnte Hitler später die Massen mit seiner dämonischen Redegabe fesseln, fanatisieren und lenken.

Charisma: gut oder böse?

Damit wird deutlich, dass Charisma im Guten wie im Schlechten ge- oder missbraucht werden kann. Das Beispiel Hitler zeigt genauso wie Experimente mit angeblichen Ärzten im Doktorkittel, dass Menschen sich nach einem ‘Herdentier’ und Anführer sehnen, dem sie nacheifern können. Jemand, der Selbstsicherheit ausstrahlt, von einer Aura umgeben ist und von seinen eigenen Ansichten durchdrungen ist, wirkt wie ein Magnet auf andere, die ihm bereitwillig folgen. Gerade in einer Welt, in der viele an sich und ihren Lebenszielen zweifeln, ist so ein „Retter“, der alle Verantwortung auf sich nimmt, willkommen. Sektenführer nutzen diese Sehnsucht schamlos aus und ziehen vor allem unsichere Menschen magisch an. Teilweise hängt das Charisma auch unmittelbar mit dem Amt und dem Status, den es mit sich bringt, zusammen. Ein Politiker, der in einem Konvoi von mehreren gepanzerten Limousinen vorfährt, strahlt Macht und Würde aus. Ihn umgibt ein gewisser Glanz. Sobald er abgewählt ist, erlischt in der Regel das Feuer, das so lodernd brannte.

Innere Überzeugung ist wichtig

Echtes Charisma kommt von innen. Es ist immer vorhanden, egal wie arm oder reich die Persönlichkeit sein mag, von der es ausgeht. Che Guevara machte sich nichts aus Wohlstand oder feinem Tuch. Der Revolutionär, der bis heute unvergessen ist, zog Menschen geradezu hypnotisch an. Er selbst war besessen von der Idee des Sozialismus und bereit, auch dafür zu sterben. Damit erhellt sich die Frage nach dem Charakter des Charisma. Eine innere Ergriffenheit von einer Idee, der unerschütterliche Glaube daran machen einen Großteil dieser Ausstrahlung aus. Selbst- und Sendungsbewusstsein, das sich auf das tief verinnerlichte Ziel richtet, verzaubert auch andere. Nur wer von sich und seinen Zielen überzeugt ist, überzeugt auch andere. Nicht nur der Wille zu Macht - laut Max Weber -, sondern auch der Mut zum Risiko und zu seinen Empfindungen gehören dazu. Charismatische Personen erreichen in erster Linie die Emotionen der Menschen, nicht deren Intellekt. Wer folglich an Ausstrahlung gewinnen will, kann selbstverständlich Seminare besuchen und die Körpersprache trainieren. Die Selbstsicherheit aber ist nicht dadurch zu erreichen, indem sich der Einzelne gerade hinsetzt, einen offenen Blick zur Schau trägt oder aufrecht geht. Der Lebenszweck, die Liebe zu seinem Beruf, die Berufung ist, machen magisch. Und nur wer sich anderen offen zuwendet, wird diese Menschen erreichen. Zuhören ist ebenfalls eine Kunst, die erlernt werden will - nicht nur die eigene Gestik und Mimik. Lady Diana und Mutter Theresa wussten wie das funktioniert - aus einem Instinkt heraus..
© Corinna S. Heyn

Das gehört zur Ausstrahlung:

* Selbstsicheres Auftreten
* Eine voll tönende Stimme
* Fließende, ruhige Bewegungen
* Ein In-sich-Ruhen
* Ausgeglichenheit
* Der Glaube an sich und andere
* Der Mut, Risiken einzugehen - auch gegen Konventionen zu verstoßen
* Eine Idee, die tief verinnerlicht ist
* Die Fähigkeit, zuzuhören und auf andere zuzugehen
* Eigene Emotionen zulassen und zeigen


Literatur:

- Thomas Westerhausen, Body Power. Erfolgsfaktor Körpersprache. Mit DVD Video und Körpersprachetraining. Walhalla Metropolitan 2005

- Adele Landauer, ManageActing. Die Kunst, selbstsicher aufzutreten. Econ Verlag, 20 Euro, 270 Seiten.
www.manageacting.de

- Bärbel Schwertfeger/Norbert Lewandowski, Die Körpersprache der Bosse. Econ Verlag.

- Eva Wlodarek, Go! Mehr Selbstsicherheit gewinnen. Krüger Verlag.

- Karin Gante, Ein starker Auftritt. Mit CD. Sphinx im Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen/München 2002.

- Gabriele Cerwinka/Gabriele Schranz, Die Macht der versteckten Signale. Ueberreuter Verlag, Wien/Frankfurt.


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