Charisma: Göttliche
Gnadengabe oder erlernbar?
Manche Persönlichkeiten
haben eine unwiderstehliche Anziehungskraft
Mahatma
Ghandi, Napoleon, James Dean, aber auch der Dalai Lama oder Lady
Diana, Che Guevara, David Garrett sowie der US-amerikanische
Präsident Barack Obama gelten als charismatisch. Nach der Definition
des Soziologen Max Weber handelt es sich um eine göttliche
Gnadengabe, die nicht erlernbar ist. Oder etwa doch? Es gibt
heutzutage Seminare, in denen vorgegaukelt wird, durch Körpertraining
eine charismatischen Ausstrahlung zu erlangen. Doch es ist Vorsicht
geboten.
Politiker
und Körpersprache
Körpersprache
lässt sicher einstudieren. Insbesondere Politiker werden vor
Wahlkämpfen in unserer von Medien bestimmten Zeit intensivst auf
Auftritte vorbereitet. Manchmal aber auch zu deren Nachteil, wie die
aufgesetzen, stark kontrollierten und emotionslosen Bewegungen der
Protagonisten beweisen. Nur wenn sich das gesprochene Wort im
Einklang mit der Gestik befindet, wird es auf die Dauer überzeugen.
Der Körper lügt nicht. Und er ist immer in Aktion. Zurück zur
Geschichte und zu Max Weber. Historisch betrachtet, wird Charisma
meist mit politischer Herrschaft oder religiöser Macht und Würde in
Verbindung gebracht. Massenmobilisierung, Unterwerfung und
Führungsanspruch gehörten dazu und sind nur wenigen Auserwählten
vorbehalten, die durch Geburt (Erbcharisma) oder genuin mit Charisma
gesegnet sind. Im Gegensatz zur erblich erlangten Gnadengabe muss der
genuine Führer Erfolge bei seinen Anhängern verbuchen. Gelingt ihm
das nicht, erlischt sein Anspruch.

Beispiele
aus der Gegenwart
In
totalitären Staaten ist diese Verknüpfung von Machtanspruch und
fortlaufender Überprüfung durch die Massen noch heute zu
beobachten. Ferdinand Marcos, bis 1986 Präsident der Philippinen,
wurde aufgrund von Wahlbetrugs und Bereicherung vom Volk unter
Corazón Aquino gestürzt. Ebenfalls gescheitert ist der
argentinische Staatspräsident Juan Domingo Perón, der 1955 in
spanische Exil gehen musste. Eines der negativsten Beispiele für ein
übersteigertes, wahnhaftes Sendungsbewusstsein ist Adolf Hitler, der
sich als Inkarnation eines ‘Heilsbringers’ mit Anspruch auf
Weltherrschaft sah. Bekannt ist, dass Hitler sich in seinen
Anfangsjahren vor der Kamera eher als Witzfigur denn als Führer
präsentierte. Erst der Schauspieler und Operettensänger Paul
Stieber-Walter brachte Adolf Hitler bis 1942 in Gasthöfen, Hotels
und Privatwohnungen eine stimmige und überzeugende Körpersprache
bei. Nichts wurde dem Zufall überlassen - nicht einmal der
Hitlergruß. Selbst die ‘Bettelgänge’ zur deutschen Industrie
wurden bis ins Kleinste einstudiert und geübt. So grotesk die
Anfänge seiner körperlichen Ausdruckskraft waren, so sehr konnte
Hitler später die Massen mit seiner dämonischen Redegabe fesseln,
fanatisieren und lenken.
Charisma:
gut oder böse?
Damit
wird deutlich, dass Charisma im Guten wie im Schlechten ge- oder
missbraucht werden kann. Das Beispiel Hitler zeigt genauso wie
Experimente mit angeblichen Ärzten im Doktorkittel, dass Menschen
sich nach einem ‘Herdentier’ und Anführer sehnen, dem sie
nacheifern können. Jemand, der Selbstsicherheit ausstrahlt, von
einer Aura umgeben ist und von seinen eigenen Ansichten durchdrungen
ist, wirkt wie ein Magnet auf andere, die ihm bereitwillig folgen.
Gerade in einer Welt, in der viele an sich und ihren Lebenszielen
zweifeln, ist so ein „Retter“, der alle Verantwortung auf sich
nimmt, willkommen. Sektenführer nutzen diese Sehnsucht schamlos aus
und ziehen vor allem unsichere Menschen magisch an. Teilweise hängt
das Charisma auch unmittelbar mit dem Amt und dem Status, den es mit
sich bringt, zusammen. Ein Politiker, der in einem Konvoi von
mehreren gepanzerten Limousinen vorfährt, strahlt Macht und Würde
aus. Ihn umgibt ein gewisser Glanz. Sobald er abgewählt ist,
erlischt in der Regel das Feuer, das so lodernd brannte.
Innere
Überzeugung ist wichtig
Echtes
Charisma kommt von innen. Es ist immer vorhanden, egal wie arm oder
reich die Persönlichkeit sein mag, von der es ausgeht. Che Guevara
machte sich nichts aus Wohlstand oder feinem Tuch. Der Revolutionär,
der bis heute unvergessen ist, zog Menschen geradezu hypnotisch an.
Er selbst war besessen von der Idee des Sozialismus und bereit, auch
dafür zu sterben. Damit erhellt sich die Frage nach dem Charakter
des Charisma. Eine innere Ergriffenheit von einer Idee, der
unerschütterliche Glaube daran machen einen Großteil dieser
Ausstrahlung aus. Selbst- und Sendungsbewusstsein, das sich auf das
tief verinnerlichte Ziel richtet, verzaubert auch andere. Nur wer von
sich und seinen Zielen überzeugt ist, überzeugt auch andere. Nicht
nur der Wille zu Macht - laut Max Weber -, sondern auch der Mut zum
Risiko und zu seinen Empfindungen gehören dazu. Charismatische
Personen erreichen in erster Linie die Emotionen der Menschen, nicht
deren Intellekt. Wer folglich an Ausstrahlung gewinnen will, kann
selbstverständlich Seminare besuchen und die Körpersprache
trainieren. Die Selbstsicherheit aber ist nicht dadurch zu erreichen,
indem sich der Einzelne gerade hinsetzt, einen offenen Blick zur
Schau trägt oder aufrecht geht. Der Lebenszweck, die Liebe zu seinem
Beruf, die Berufung ist, machen magisch. Und nur wer sich anderen
offen zuwendet, wird diese Menschen erreichen. Zuhören ist ebenfalls
eine Kunst, die erlernt werden will - nicht nur die eigene Gestik
und Mimik. Lady Diana und Mutter Theresa wussten wie das funktioniert
- aus einem Instinkt heraus..
©
Corinna S. Heyn
|
Das
gehört zur Ausstrahlung:
*
Selbstsicheres Auftreten
*
Eine voll tönende Stimme
*
Fließende, ruhige Bewegungen
*
Ein In-sich-Ruhen
*
Ausgeglichenheit
*
Der Glaube an sich und andere
*
Der Mut, Risiken einzugehen - auch gegen Konventionen zu verstoßen
*
Eine Idee, die tief verinnerlicht ist
*
Die Fähigkeit, zuzuhören und auf andere zuzugehen
* Eigene Emotionen
zulassen und zeigen
|
Literatur:
-
Thomas Westerhausen, Body Power. Erfolgsfaktor Körpersprache. Mit
DVD Video und Körpersprachetraining. Walhalla Metropolitan 2005
-
Adele Landauer, ManageActing. Die Kunst, selbstsicher aufzutreten.
Econ Verlag, 20 Euro, 270 Seiten.
www.manageacting.de
-
Bärbel Schwertfeger/Norbert Lewandowski, Die Körpersprache der
Bosse. Econ Verlag.
-
Eva Wlodarek, Go! Mehr Selbstsicherheit gewinnen. Krüger Verlag.
-
Karin Gante, Ein starker Auftritt. Mit CD. Sphinx im Heinrich
Hugendubel Verlag, Kreuzlingen/München 2002.
-
Gabriele Cerwinka/Gabriele Schranz, Die Macht der versteckten
Signale. Ueberreuter Verlag, Wien/Frankfurt.
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